Momo, die deutsche Romantik und grüne Politik

Wir wissen von der geistes- und kunstgeschichtlichen Epoche der Romantik, die auf die der Aufklärung folgte und als Reaktion darauf verstanden werden kann, besonders wenn man sie in den historischen Kontext einordnet: Anfang des 19. Jahrhunderts, Bürger hatten sich in Freikorps formiert und die Franzosen wieder über den Rhein geschickt. Jeder lernt, dass damit nicht nur ein nationalistischer Befreiungskampf ausgefochten wurde sondern gleichzeitig der Versuch einer bürgerlichen Revolution stattfand. Die Freikorps kämpften nicht nur gegen die französische Besatzungsmacht für nationale Einheit sondern auch gegen deren natürliche Gegner, die deutschen Fürsten denen die Kleinstaaterei Garantie ihrer Macht war und für die selbstbewusste, bewaffnete Bürger sowieso eine Bedrohung waren. Nationale Selbstbestimmung und Einheit, Bürgerrechte, Beschränkung der Fürstenmacht waren die von der Aufklärung inspirierten Forderungen der Freikorpskämpfer.

Wir wissen, wie die Geschichte weiterging: Die Franzosen wurden verjagt, die deutschen Fürsten  konnten sich halten, mussten wohl im Wiener Kongress einer Flurbereinigung zustimmen, aber dutzende von größeren und kleineren Einzelstaaten blieben bestehen. War also erst einmal noch nichts mit der bürgerlichen Revolution. Es folgte eine Phase der Restauration mit Zensur und anderen Unterdrückungsmaßnahmen. Auch in der Kunst ist das veränderte gesellschaftliche Klima zu spüren: die Romantik entstand, das Biedermeier brach an. Anstatt Figaros Hochzeit auf die Bühne zu bringen, in der der bürgerliche Friseur den Grafen herausfordert, werden Darstellungen von harmonischen, konfliktfreien sozialen Beziehungen populär. Hierarchische Gliederung der Gesellschaft wird als natürlich empfunden und  jeder fügt sich klaglos in seine Rolle. Man zieht sich ins innere, ins traute Heim, in die Familie zurück, überlässt die  Welt draußen den anderen, Gr0ßen und Mächtigen. War vorher, ganz im Sinne der Aufklärung, Vernunft ein Instrument mit dem der Mensch die Welt erkennt, seien Platz darin bestimmt und Schlüsse für sein Handeln ableitet, gilt sie nun als kalt, rational, geradezu menschenfeindlich und besonders dem deutschen Wesen fremd. Vernunft ist bestenfalls etwas für die Welschen, die Deutschen sind doch eher der Mystik des germanischen Urgrundes, des deutschen Waldes und der Natur verbunden.

Das alles vorausgeschickt und sich nun im hier und jetzt umgesehen reibt man sich vor Verwunderung darüber, wie wirkmächtig dieser Teil der Vorstellungen aus der Romantik immer noch ist.  Von Michael Ende haben wir so schöne Geschichten wie die von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer, besonders bekannt geworden durch die Aufführungen der Augsburger Puppenkiste und deren Verfilmungen. Wir haben von ihm aber auch Werke wie die “unendliche Geschichte” und “Momo”. Die unendliche Geschichte beschreibt wie das Phantasieland infolge zunehmenden Mangels an Phantasie unter den Menschen immer kleiner wird und unterzugehen droht bis die kindliche Phantasie neu entfacht und die Geschichte des Phantasielandes immer wieder neu und weiter erzählt wird.

Momo und ihre Freunde hingegen leben miteinander irgendwo im Süden in Harmonie und Eintracht. Ihre Freunde sind ein Kneipenwirt, ein Maurer und ein Straßenfeger. Man erfährt nichts von irgendwelchen Konflikten, geschweige denn von unterschiedlichen Interessen. Kein Bauherr, der dem Maurer zu wenig Lohn zahlt, kein Kunde der die Zeche nicht zahlen kann oder will, kein Winzer der den Preis für den Wein erhöht. Zumindest gibt es keine Konflikte, die sich nicht mit gutem Willen lösen lassen wenn man nur mal d’rüber redet.  In einer Szene soll Momo die Schlichterrolle übernehmen als der Kneipenwirt ein Geschäft mit einem Gast gemacht hat und beide sich vom jeweils anderen übervorteilt fühlen. Der Konflikt löst sich in Wohlgefallen aus, beide erkennen das Mißverständnis und die integeren Absichten des anderen, bleiben gute Freunde ohne dass Momo auch nur ein vermittelndes Wort gesagt hat. – Wie schön kann die Welt doch sein.

Dann aber wird diese schöne Welt durch graue Männer von der Zeitsparkasse bedroht. Sie bringen andere dazu Zeit zu sparen und sammeln sie ein und machen damit die Welt grau, freudlos und ungemütlich. Momo gelingt es mit Hilfe einer Schildkröte, die in die Zukunft sehen kann und dem Herrn der Zeit die grauen Männer auszutricksen und den idyllischen Status quo ante wieder herzustellen.

Es ist klar, die grauen Männer stehen hier als Metapher für Effizienz, für Rationalität und kalte Vernunft die dem Leben die Menschlichkeit nimmt. Die Übereinstimmung mit der Sichtweise der Romantik auf die Vernunft von 150 Jahren vorher ist unübersehbar.

Als Michael Ende starb, schrieb die taz sinngemäß wer wissen wolle, wie Deutschland in den 80ern getickt hat, der müsse bei Michael Ende nachlesen. – Wie recht sie damit hat! Wer sich noch daran erinnert,weiß wir waren alle tief beeindruckt von diesem Buch – ich laß es in meinen Oberstufenjahren, es war ein Bestseller, sogar eine Theateraufführung gab es an unserer Schule.  Wir haben es aufgenommen als ein Statement gegen technokratische Gestaltung des Lebens. Das wir uns damit in der anti-emanzipatorischen, vernunftfeindlichen geistigen Tradition der Romantik befanden ist wohl nur wenigen klar geworden.

Die 80er waren die kulturell prägende Zeit für die Alterskohorte, die jetzt die Grünen wählt und bei ihnen den Ton angibt. Diese Prägung geschah entlang des Wertekanons der sich u.a. in Momo ausdrückt. Mittlerweile ist klar, die Aussage der taz gilt dies nicht nur für Deutschland in 80ern. Vor kurzem sah ich einen Werbespot, in dem eine Versicherung behauptete, ihr Habitus sei anders als der der grauen Männer aus Momo, man könne also ganz unbefangen mit ihr reden. Und wenn ich mir grüne Politik und die dahinter stehenden Konzepte ansehe, erkennt man leicht die Sehnsucht nach dem idyllschen, gefühligem Leben Momos und ihrer Feunde.

Zum Beispiel ist der Versuch, auf Vorschlag der Grünen, den Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 zu schlichten: Man finde einen weisen alten Mann, allseits geachtet, und rede mal d’rüber.  Was für eine Vorstellung! Der Bahnhof kommt unter die Erde oder nicht, da gibt es keine Kompromisse. Als könne man den Meinungs- und Interessengegensatz einfach in Luft auflösen und sich idyllischer Harmonie erfreuen. Und warum gibt es da überhaupt etwas zu schlichten? Wir haben uns Regeln gegeben nach denen wir unsere gemeinsamen Angelegenheiten regeln: wir wählen aus unserer Mitte Repräsentanten in Versammlungen, wir nennen diese Versammlungen Parlamente, Bundestag oder Landtage, und dort wird entschieden was für Gesetze zur Geltung kommen, welche Aufgaben unsere Gemeinwesen mit welchen Geldern wahrnimmt und welche Steuern erhoben werden um an diese Gelder zu gelangen. Und die Repräsentanten, die wir gewählt haben, und zwar auf allen Ebenen dieser Republik, haben in Mehrheit beschlossen, S21 zu bauen. Sogar bei der letzten Landtagswahl haben Kandidaten von Parteien, die das Projekt befürworten die Mehrheit erhalten. Ist es nicht einfach an der Zeit, den demokratisch gefassten Mehrheitswillen einfach umzusetzen? Und zwar mit dem Anspruch dass der demokratisch gefasste Mehrheitswille gilt und zu akzeptieren ist. Mit welcher Legitimität wird darüber in einem Großpalaver verhandelt?

Besonders ärgerlich dabei für die Grünen wenn der weise Schlichterspruch lautet: “baut S21″. Das passt den Grünen nicht in den Kram und die ganze Schlichterei ist nun auch weitgehend folgenlos verpufft. Geißler wird nun von S21-Gegnern als “Volksverräter” beschimpft.

Beispiele, die die Grünen in die vernunftfeindliche und anti-emanzipatorische Tradition der Romantik stellen gibt es zuhauf:

Der Naturbegriff zum Beispiel, wenn Naturheilkunde in Gegensatz zur wissenschaftlichen Medizin gebracht wird. Als ob die medizinischen Fakultäten an den Universitäten obskures, übernatürliches Hexenwerk lehrten! Tun sie ja nicht, sie lehren Naturwissenschaft, wissenschaftlich halt, empirisch, vernünftig, wirksam. Nicht das esoterische Geschmontze der “Naturheilkunde” dem Patienten besser hilft, es fühlt sich wohl besser an, harmonischer. Was wir hier sehen ist die Ablehnung der Ergebnisse vernunftgeleiteten Handelns zugunsten wohliger, romantischer Gefühligkeit.
Kein Biomayer kriegt die Kuh dazu, Käse auszuscheiden. Um Käse zu erzeugen muss auch er eine Reihe von zielgerichteten Eingriffen durchführen um die Prozesse die die Natur ermöglicht so zu steuern das sein Biokäse entsteht. Und wo einer die Grenze zieht zwischen natürlichem Käse und den Erzeugnissen der industriellen Lebensmittelproduktion ist völlig willkürlich. Die gesamte Biotechnologie, inklusive der Gentechnik, bekommt keinen Prozess zum Laufen, den die Natur nicht zuließe, der den Gesetzen der Natur widerspricht. Was einer da noch für “natürlich” hält ist reine Gefühlssache.

Anderes Beispiel: Das Konzept der Bürgerbeteiligung. Dafür gibt es in BaWü nun eine Staatsrätin. Diese Position lässt sich doch nur mit einer offen obrigkeitsstaatlichen Perspektive erklären: hier gibt es die Bürger, dort die Obrigkeit (weil das so schlecht klingt sagt man stattdessen auch verschämt: die “Politik”). Nur dass die Obrigkeit in BaWü jetzt eine grüne ist und die will netter mit uns Bürgern sein. Deshalb will sie uns beteiligen und redet mit uns. Auf das wir alle Konflikte in Wohlgefallen sich auflösen lassen. Wenn wir Bürger unseren Anteil am Entscheidungsprozess haben, wer zum Teufel hält dann eigentlich den anderen Anteil? Und mit welcher Legitimation? 
Vom aufgeklärt-republikanischen Standpunkt aus verdient jedwede Form von Obrigkeit den Arschtritt, nette wie weniger nette. Und wir Bürger geben uns nicht mit Beteiligung zufrieden sondern beanspruchen das gesamte Paket. Diesen Anspruch setzen wir um in dem, wie oben bereits beschrieben, wir unsere Repräsentanten in Parlamente entsenden, und zwar jeder nach seiner eigenen Entscheidung, nach Maßgabe seiner eigenen Interessen und Präferenzen, in der Annahme, dass, vertritt jeder seine Interessen und Präferenzen mit gleicherweise fairen Mitteln, unter dem Strich das denkbar beste Ergebnis für alle herauskommt. Die Regierung BaWüs ist nichts weiter als ein Ausschuss, den die von uns gewählten Repräsentanten eingesetzt haben um die von ihnen beschlossenen Gesetze umzusetzen mit den Finanzmitteln, die sie dazu zur Verfügung gestellt haben. Und dieser Ausschuss kann jederzeit von unseren Repräsentanten ausgetauscht werden.

Nur dass der Standpunkt der jetzigen Regierung BaWüs kein aufgeklärt-republikanischer ist, sonst wäre die Existenz einer Staatsrätin für Bürgerbeteiligung nicht zu erklären.

Mehr dazu in späteren Artikeln dieses blogs.

Ich betrete jetzt die Blogosphäre

Ich betrete jetzt die Blogosphäre. Mein Gruß an alle, die sich hier schon bewegen.

Ich werde diesen Blog nutzen um meinen Senf dazu zu geben. Ich werde hier die Dinge des Lebens, der Politik und der Gesellschaft kommentieren. Und das werde ich tun vom philosophischen Standpunkt der Aufklärung aus. Mir scheint, es ist nötig, von dieser Perspektive aus, den Versuch zu unternehmen, die Dinge zu beleuchten, sie in Beziehung zueinander zusetzen und Schlüsse zu ziehen. Ich hoffe, ich kann damit meinen bescheidenen Beitrag leisten um mehr Klarheit in der Welt zu schaffen. – Voraussetzung dazu ist natürlich, dass das hier überhaupt einer liest…

Ein wichtiger Begriff  bei meinen Versuchen ist der der Vernunft. Damit meine ich nicht un-emotionale, kalte Rationalität. Ich meine damit, ganz im Sinne der Aufklärung, das intellektuelle Werkzeug, dessen der Mensch sich bedient um die Welt in der er lebt zu erkennen, so wie sie ist. Anders formuliert: der Mensch erkennt die Welt wie sie ist durch Nutzung seiner Vernunft, er braucht dazu keine göttliche Offenbarung. Und mehr noch: der Mensch erkennt vermittels seiner Vernunft, was in dieser Welt zu tun ist. Soll heißen: er konstruiert sich eine Ethik. Man merke: der Mensch konstruiert sich eine Ethik selber, er braucht auch hierzu keine göttliche Anleitung, so er denn seine Vernunft nutzt.  Und er braucht auch keine Pfaffen, die meinen ausdeuten zu müssen (und in manchen Fällen auch meinen, als einzige dazu in der Lage zu sein) wie Gottes Offenbarung und seine Gebote denn zu verstehen sind. Von allen Methoden, die die Lehre von der Ethik kennt (zumindest der Teil von ihr, der mir bekannt ist) ist der Versuch, richtig von falsch an Hand von Setzung und Anweisungen durch ein höheres Wesen voneinander zu trennen der am wenigsten überzeugende. Wendet man Vernunft an, dann kommt man weiter.

Warum ist das wichtig? Wir erhalten sicher sofort Einigkeit darüber, dass so viel Unsinn daher geredet und geschrieben wird, dass es nötig ist, Klarheit zu schaffen. Dazu braucht’s eine Position, in meinem Fall die der Aufklärung, und dazu braucht’s eine Methode, in meinem Fall die Anwendung der Vernunft. Wir werden sehen wie weit wir damit kommen.

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